20 Vergiss nicht wer du bist, auch nicht im Netz

Kommentare sind gut, Kommentare sind wichtig, aber ab wann werden diese zur Beleidigung? Die eEtiquette, der moderne Knigge für die Kommunikation im Netz, zeigt, wie es richtig geht.

von Anja Napolow

Als Gutenberg 1450 den Buchdruck erfand, läutete er damit eine Revolution ein, deren Folgen nicht abzusehen waren. Informationen waren für jedermann erreichbar und konnten sich ungehindert ausbreiten.
Knapp 500 Jahre danach folgte Anfang der 1990er Jahre die Kommerzialisierung des Internets und damit nicht nur ein Wechsel des Mediums, sondern eine grundlegende Veränderung in der Art wie wir miteinander kommunizieren. Welche Regeln gelten im Umgang mit dem Internet noch?

Alle denkbaren Informationen können im Internet von alphabetisierten Bürgern jederzeit an allen Orten der Erde gesucht, abgerufen und kommentiert werden. Ca. 2 Milliarden Internetnutzer gibt es weltweit. Welche Herausforderungen und Chancen dieses Medium mit sich bringt, zeigt sich besonders im Bereich der Kommunikation. Der Austausch von Informationen in Form von Nachrichten und Kommentaren ist wichtiger denn je und hat einen hohen Stellenwert im Alltag eingenommen. Über 60 Millionen der Deutschen ist online und weltweit werden knapp 300 Milliarden E-Mails versendet. Umgerechnet 100 Jahre verbringen die Nutzer mit dem Anschauen von Videos im Internet pro Tag. Ob bei facebook, skype, twitter, Youtube oder anderen Anbietern, es wird überall geschrieben, gechattet und kommentiert. Doch nicht jeder Kommentar überzeugt durch qualitative Inhalte und ist nicht vor der Spezies „Dauerbesserwisser“, „ist-ja-sowieso-alles-Sch*”-Finder, die Randalettis, die einfach-nur-mal-ein-bisschen-rumnerven-Woller, die Spinner und die Allesdurchblicker“ gefeit. Keine leichte Sache, wenn man sich gegen die Kommentare auf öffentlichen Plattformen nicht wehren kann oder selbst Besitzer eines Blogs ist und die meiste Zeit des Tages damit zubringen muss Kommentare wieder zu löschen. Während zu Zeiten des gutenbergischen Buchdrucks die gesellschaftliche Etikette noch vom Hof diktiert wurde, müssen wir heutzutage eigene Regeln entwickeln, die ein friedliches Miteinander ermöglichen. Mit dem neuen Medium sind ganz neue Anforderungen an die Gesellschaft gestellt worden und die digitalen Bürger_innen müssen sich in allen Lebensbereichen umstellen. Doch wie sieht die moderne eEtikette, die moderne Kommunikation im Netz aus?

Platte Umgangsformen und rauer Ton

Viele Beispiele für eine misslungene Internetkommunikation finden sich auf der Videoplattform Youtube. Hier kann man unter zahlreichen Videos die teilweise diskriminierenden Kommentare lesen. Diese Form des Kommentierens, das sogenannte Cybermobbing, kann so massive Formen annehmen, dass Menschen sich ernsthaft bedroht fühlen können oder depressiv werden. Knapp 31% der Schüler und jungen Erwachsenen sind bereits davon betroffen. Cybermobbing macht im Unterschied zum Mobbing in der Offlinewelt, keinen Halt mehr vor den häuslichen Grenzen.

Die „Entgleitung“ der gewissentlichen Kommunikation ist wahrscheinlich dem Umstand geschuldet, dass man im Internet nicht gesehen wird. Die reale Unterhaltung wird auf den Bildschirm übertragen. Durch die textbasierte Unterhaltung verändert sich nicht nur unsere Form der Unterhaltungskultur, sie erfordert auch, wie in der Offlinewelt, ebenfalls die Einhaltung gewisser Regeln.

Guideline von Youtube

Mit welchen rechtlichen Konsequenzen der User bei einem Fehlverhalten zu rechnen hat, ist in der Guideline von Youtube erklärt. Bei dem Verstoß gegen die formulierten Nutzungsbedingungen ist mit einer Verwarnung oder gänzlich mit dem Ausschluss aus der Community zu rechnen. Doch was bringt diese Maßnahme, wenn der User unter einem Pseudonym surft und die reale Person hinter dem Profil sich nur schwerlich ausmachen lässt? Als Konsequenz für den Regelverstoß heißt es auf der Seite weiter: „Wenn dein Konto gekündigt wird, darfst du nie mehr ein neues Konto erstellen.“ Hier stellt sich zwangsläufig die Frage: Ist das noch gerecht? Oder vielmehr: Was bringt das und welchen erzieherischen Effekt haben die Regeln dann noch?

Google+ möchte deshalb Youtube nachträglich zu einer Plattform umgestalten, in der nur noch Klarnamen verwendet werden dürfen. „Ein Projekt, das zum Scheitern verurteilt ist“ heißt es in der Zeit, denn der Gebrauch von Pseudonymen ist mittlerweile ein geduldeter Usus in den Internetgemeinden. Die Forderung wird heikel, wenn man sich im Klaren darüber ist, dass über den Kanal von Youtube Botschaften aus Krisenregionen der ganzen Welt übermittelt werden und dies oftmals den einzigen Kanal zur Außenwelt darstellt. Der erfundene Name erfüllt in diesen speziellen Fällen sogar eine Schutzfunktion.

Dabei bleibt es nicht. Dass die Kommentare durch die ausschließliche Verwendung von Klarnamen gehaltvoller und weniger beleidigend werden, ist auch mehr ein Wunschdenken als Realität. Eine Studie von Disqus stellte erstaunlicherweise fest, dass das Schreiben unter einem Pseudonym die Qualität der Kommentare sogar steigert und den Verlauf der Diskussion positiv beeinflusst. Doch welche Kriterien sind maßgeblich, wenn die Grenzen der Kulturen und Umgangsformen durch ein weltweites Netzwerk langsam ineinanderfließen und auch die unterschiedlichen Konventionen einander beeinflussen? Nach welchen ethischen Grundlagen kann man sich im Internet orientieren? Gelten die allgemeingültigen Regeln des menschlichen Umgangs und wie lassen sich diese auf die Ebene des Internets übertragen?

Einfach aber wirkungsvoll: Die Grundregeln des Schreibens

Bereits beim Erstellen von Kommentaren kann die Grundlage für die „gewaltfreie Kommunikation“ im Internet gelegt werden. Doch was macht einen guten Kommentar im digitalen Zeitalter aus? Die erste Grundregel der Netiquette, die sich von dem Begriff Etikette ableitet, besagt: „Bei allem was man schreibt sollte man immer bedenken, dass auf der anderen Seite ein Mensch sitzt.“ Kommentator_innen sollten beim Verfassen ihrer Kommentare außerdem immer auf die klare und verständliche Formulierung ihrer Beiträge achten. Generell ist freie Meinungsäußerung gewünscht, wenn sie denn frei von rassistischen und diskriminierenden Inhalten sind und die Persönlichkeitsrechte der anderen Nutzer_innen wahren. Auch das Crossposting, die Versendung von mehreren Beiträgen hintereinander, sollte unterlassen werden. Unsere Kommunikation ist von einer sehr textbasierten Kommunikation geprägt und erfordert deshalb ein besonderes Fingerspitzengefühl bei der Formulierung. Durch die Verwendung von Emoticons kann der Nutzer Informationen übermitteln, die seine Stimmung ausdrücken. Der Computerwissenschaftler Scott E. Falhman führte bereits 1982 für seine Studenten an seiner Universität Smileys ein, um wichtige von eher unwichtigen Kommentaren zu kennzeichnen. Mittlerweile gibt es ein sehr reichhaltiges Repertoire an Smileys, die Ausdrücken, wie es seinem Absender geht und mittlerweile zu einem standardisiertes Mittel der E-Mail Kommunikation avanciert sind.

Eine Sprache die jeder versteht

Eine Fortsetzung der Smileybewegung aus den 1990er Jahren finden sich möglicherweise in einer gesteigerten Form, in den kommunikativen Prozessen von morgen. Das Zukunftsforschungsinstitut SEE MORE führte dazu kürzlich im Auftrag von Microsoft eine Studie durch, die bei Meinungsführern und Experten der Medienbranche einen Trend für die Entwicklung der Kommunikation aufzeigen sollte. Aus allen Aussagen wurden insgesamt sechs Thesen formuliert, die aufzeigen, dass wir uns erst am Anfang des digitalen Zeitalters befinden. Beispielsweise soll aus einer „Elektronischen Mail“  bald eine „Emotion Mail werden, die mit Hilfe von Farben und Videos, eine ganze Stimmungsphase nachbilden kann. Dazu werden wir in Zukunft noch mehr Tools zur Verfügung gestellt bekommen, die teilweise auch ganze Nachrichten in einem standartisierten Text beantworten können. Kann ein Computer Ironie verstehen und Liebesbriefe mit dem nötigen Gefühl und der Leidenschaft schreiben? Antworten werden im Gegensatz zur herkömmlichen Methode dann nur noch gedacht. Doch wo unterscheidet das Programm zwischen unterbewussten und bewussten Informationen? Wie auch immer die Umsetzung der Etiquette oder des Cybertalks aussehen wird, die Regeln der Kommunikation müssen sich dabei immer an dem technischem Wandel der Zeit orientieren: Die menschlichen Werte und Normen, wie Ehrlichkeit und Respekt, sind zeitlos und lassen sich dagegen ungehindert auch auf das Internet übertragen. Bis auf kleinere Abweichungen basiert dieser Code auf allgemeinen Konventionen, die weltweit verstanden werden.

Rahmenwechsel erfordern Anpassungen

Mit dem Internet hat nicht nur ein äußerlicher Rahmenwechsel im Bezug auf die Mittel der Kommunikation stattgefunden, sondern auch eine Übertragung der allgemein geltenden Grundwerte der Menschen auf das Internet, sowie ein höheres Maß an Selbstdisziplin und Zivilcourage bei der Umsetzung in die Schriftform, das eingefordert wird. Medienkompetenz bedeutet in diesem Sinne deshalb vor allem, eine ständige Reflektion der eigenen Handlungen. Da die Grenzen zwischen Online und Offlinewelt durch die ständige Erreichbarkeit allmählich verschwimmen, erfordert  dies einen gesunden Umgang mit dem Medium selbst. Vergiss nicht wer du bist, auch nicht im Internet!

Eine der beliebtesten 101 Leitlinien für die digitale Welt von der Seite ettiquette besagt: „Sorge für einen ausgewogenen Medienkonsum und schalte auch mal ab. Es gibt immer noch ein analoges Leben neben dem digitalen“.

 

Wie sehr verändern sich unsere Werte und Normen mit dem Internet und wie könnten Regeln dazu aussehen? Diskutieren Sie mit auf www.digitalbuerger.de

 

License

mediaCamp 2012 - #rahmenwechsel Copyright © 2012 by MIBB. All Rights Reserved.

Feedback/Errata

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *