3 Science to sell?

Das Analysetool WeGov wertet soziale Netzwerke aus – so soll die Politik erfahren, was die Gesellschaft denkt. Jetzt überlegen die Macher, wie sich das Forschungsprojekt auch kommerzialisieren lässt.

von Alisa Ruprecht

Das Ausgangsproblem ist den Initiatoren von WeGov schon zu Beginn des Forschungsprojektes im Januar 2010 klar: Der kommunikative Austausch zwischen Politik und Bevölkerung existiert nur selten, eigentlich zu wenig, genau genommen fast gar nicht. Ein konstruktiver Raum für Meinungsaustausch fehlt, Mitbestimmungsrechte auch und verlässliche Daten über politische Ziele und Wünsche der Bevölkerung sowieso.

Schnell wird deutlich: Da kann das Internet als interaktives und kollaboratives Medium Abhilfe schaffen, denn Schlagworte wie eGovernment und ePartizipation sind schon damals längst Synonym für die Überwindung kommunikativer Grenzen zwischen mündigen Bürger_innen und regierenden Politiker_innen. Während auf Online-Beteiligungs-Plattformen Unterschriftenlisten in Form von Petitionen oder andere Mitwirkungsverfahren bereitgestellt werden, müssen die Diskussionen in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter nicht zwangsläufig in eine politische Richtung gehen. Dennoch ist auch hier ein Aspekt wesentlich: Austausch ist beabsichtigt, Mitsprache gefragt und Meinung gefordert.

Ein Grund für Timo Wandhöfer, Doktorand und Diplom-Informatiker am Leibniz Institut für Sozialwissenschaften in Köln, gemeinsam mit mehreren wissenschaftlichen Kollegen das Projekt WeGov ins Leben zu rufen – die Entwicklung eines Analysetools, das den „viel beschriebenen Gap“ zwischen den beiden ungleichen Gruppen verkleinern und gesellschaftliche Meinungen für die Politik transparenter machen soll. „Das Projekt WeGov hat zum Ziel, eine verlässliche Plattform für Analyse und Unterstützung des politischen Diskurses in der europäischen eSociety-Landschaft zu entwickeln“, so der Text auf der Webseite der Universität Koblenz-Landau, deren Institute for Web Science and Technologies (WeST) eines von insgesamt sieben Projektpartnern ist.

Ein paar Fakten dazu: WeGov steht für “Where eGovernment meets the eSociety“ und wird von der Europäischen Union gefördert. Es sammelt Online-Daten und es filtert Netz-Beiträge. Es trägt zusammen, welche Themen und Schlagworte bei Facebook und Twitter diskutiert werden, unter welcher Prämisse, mit welchen Schwerpunkten, Emotionen, Argumenten. Es identifiziert Meinungsführer und Schlüsselpersonen. Kurzum: Es ist ein Tool für das Abbilden von Stimmungen und Thementrends in sozialen Medien.

Inzwischen ist das Projekt in der Schlussphase, nach insgesamt zwei Jahren und neun Monaten der Forschungs- und Entwicklungsarbeit. Und da stellt sich auf einmal die Frage, ob die ursprüngliche Zielsetzung – Wie verbessere ich den Austausch zwischen Bürgern und Politikern? – nicht einer ganz anderen und davon eher unabhängigen Problematik gewichen ist: Was passiert mit einem frisch entwickelten Werkzeug der Meinungsforschung und -abbildung im Social Web, wenn es bereit ist für den aktiven Einsatz? Wer kann davon profitieren und wer vielleicht verlieren? Und lässt sich im Spannungsfeld zwischen ethischen Zielen und Datenschutzrichtlinien auf der einen und Verkaufs- und Finanzierungsinteressen auf der anderen Seite die ursprüngliche Absicht noch durchsetzen?

Timo Wandhöfer erzählt im Interview vom aktuellen Stand seiner Forschung, der komplizierten Suche nach zukünftigen WeGov-Sponsoren und von den nicht zu unterschätzenden Missbrauchsrisiken, die ein solches Meinungsforschungs-Tool mit sich bringen kann.

Science to sell?

Eine Bilanz.

 Wie wichtig ist für Sie ein Schlagwort wie ePartizipation?

WANDHÖFER: Für mich persönlich ist ePartizipation sehr wichtig. Das war auch eine Grundidee oder ein Grundgedanke, weshalb wir dieses Projekt überhaupt gestartet haben, weil wir gesehen haben, dass auf diesen ganzen ePartizipations-Portalen doch relativ wenig los ist. Und deswegen war die Idee, dass wir dahin gehen, wo die Nutzer sind und wo diskutiert wird, wobei jetzt noch zu überprüfen ist, ob das tatsächlich jetzt der bessere Ansatz ist. Aktuell versuchen wir zu validieren, ob tatsächlich Bürgermeinungen in den politischen Entscheidungsprozess weitergeleitet werden können.

Welche Argumente würden dagegen sprechen?

WANDHÖFER: Jetzt, wo das Projekt dem Ende entgegengeht und wir merken, was man damit machen kann, gerade wenn die Endnutzer aus Politik und die Entscheidungsträger das auch nutzen, wo man sich konkreter unterhalten kann, da merkt man einfach, dass in diesem Bereich noch viele andere empirische Fragen auf einmal auftreten, und das war auch der Grund heute für meine Session auf dem Politcamp 2012 in Berlin, weil ich mich gefragt habe, was ist jetzt eigentlich der Mehrwert von Analysemöglichkeiten in diesem Social Web, um diesen gesellschaftlichen Gap zwischen Bürgern und Politikern abzumildern.

Da würde ich direkt einmal nachfragen – an wen geht denn nun dieses Programm bzw. dieses Tool?

WANDHÖFER: Aktuell machen wir uns genau darüber Gedanken. Wer kann das jetzt nutzen? Das Projekt ist vorbei, deswegen müssen wir jetzt erst einmal darüber nachdenken, ob das ein Businessmodell wird, was dann vielleicht einer unserer Projektpartner weiter betreiben kann. Das ist aber aktuell noch völlig unklar. Aber im Prinzip adressieren wir jeden Entscheider. Da gibt es das schöne Wort Stakeholder im Englischen, das eigentlich jeden meint, der irgendwie politisch etwas entscheidet, das sind Organisationen, das sind Kommunen, das sind Behörden, das ist im Prinzip auch der Bürger oder Ortsvereine.

Das klingt ziemlich weit gefasst. Besteht da nicht das Risiko, dass euer Projekt auch missbraucht werden kann, dass es zum Beispiel an die falschen Leute gerät?

WANDHÖFER: Im Prinzip ist es ein Tool, ähnlich der Tools der klassischen Marktforschung und der Marktanalyse. Ich denke, da gibt es sehr viele Parallelen. Und man könnte es natürlich auch auf diesem Weg nutzen, um vielleicht auch seine brand zu beurteilen: Wie steht meine Marke eigentlich im Social Web? Auch dafür liefert das Tool Indikatoren, aber das ist natürlich nicht unser Anwendungsfall, oder in diesem Anwendungsfall wollen wir es im Prinzip nicht sehen, und deswegen sind unsere Zugänge auch limitiert und wir vergeben diese Zugänge für unser Tool auch manuell.

Das heißt, ihr behaltet es euch vor, Einfluss darauf zu nehmen, wer auf euer Tool zugreifen kann.

WANDHÖFER: Genau. Wir wissen, wer unser Tool benutzt, und wir stehen natürlich auch mit allen unseren Nutzern im engen Kontakt, um da auch weitere empirische Informationen und Auswertungen zu erhalten.

Was wäre denn für Sie der positivste Effekt von WeGov?

WANDHÖFER: Toll wäre natürlich, das ist die Ideologie, dass natürlich die Bürger Meinung mit in die politischen Prozesse fließen lassen können und dass politische Entscheidungsprozesse auch gerade durch Bürgermeinungen im Social Web beeinflusst werden können.

Aber die Statistiken machen deutlich, dass noch längst nicht jeder Bürger in Deutschland im Social Web unterwegs ist. Inwiefern kann die Analyse von Social Media überhaupt eine gesamtgesellschaftliche Meinung abbilden?

WANDHÖFER: Das ist vielleicht auch ein bisschen eine philosophische Frage, aber letztendlich ist das Social Web natürlich nicht repräsentativ, das ist klar, das wissen wir alle. Und wir sehen unser Tool auch nicht als repräsentativ an, was die Meinungsbildung angeht, sondern es ist ein Add-on. Man nutzt es, um zusätzliche Informationen aus dem Social Web zu erhalten.

Ich habe bereits ein paar kritisch zu hinterfragende Punkte angesprochen. Was wäre denn aus Ihrer Sicht der negativste Effekt, also was sollte auf keinen Fall passieren?

WANDHÖFER: Ja, vielleicht irgendwelche negativen Ströme, die durch unser Tool potenziert werden könnten. Also, ob das jetzt vielleicht verbotene Parteien sind, in die Richtung, irgendwelche nichtdemokratischen Ideen oder Ansätze, die vielleicht dadurch potenziert werden können. Ich denke, das wäre so ein Missgebrauch, den man umgehen möchte.

Man könnte euch vorwerfen, dass es euch darum geht, persönliche Daten zu sammeln und auszuwerten. Inwiefern ist dieses Tool nicht ganz weit weg von dem, was wir unter dem Begriff Datenschutz zusammenfassen würden?

WANDHÖFER: Wir speichern die Daten der Analyse, also wir machen eine Suche auf Facebook und Twitter, und diese Daten werden in der Datenbank gespeichert, so lange wie das Monitoring oder die Analyse dauert. Und nach der Analyse soll im Prinzip so verfahren werden, dass die Daten dann gelöscht werden.

Gibt es denn schon konkrete Zusagen oder Verträge, wer diese Daten bekommen könnte?

WANDHÖFER: Das Tool? Bisher noch nicht. Wir machen uns gerade Gedanken und sind auch auf der Suche nach potentiellen Einrichtungen oder einem Ansprechpartner in der Industrie, die unsere Ideen jetzt weiterbringt und vielleicht auch finanziell unterstützt und da einen Business Case draus macht. Aber es gibt noch keinen konkreten Förderer.

Aber Ihr erklärtes Ziel ist es, das Tool von der reinen Wirtschaftsindustrie fernzuhalten.

WANDHÖFER: Im Prinzip nicht. Jede Art von Software muss im Prinzip einen Business Case umsetzen, man kann es ja nicht gratis zur Verfügung stellen. Also, irgendjemand muss dafür bezahlen, dass es angeboten wird. Es muss einfach einen Business Case geben oder natürlich einen großzügigen Sponsor, aber wenn man den großzügigen Sponsor nicht hat, dann ist man auf einen Business Case angewiesen, um so etwas weiterhin betreiben zu können.

Überspitzt gefragt: Macht ihr dann nicht genau das, was die ganze Zeit auch schon Google und Facebook vorgeworfen wird, nämlich persönliche Meinungen und persönliche Daten zu sammeln und auszuwerten? Seid ihr nicht einfach nur das nächste Tool, das sämtliche meiner Daten sammelt und irgendwann schließlich mehr über mich weiß, als mir eigentlich lieb ist?

WANDHÖFER: Nein. Also ich denke, was uns stark unterscheidet, ist unsere Datenschutz-Policy und gerade unsere ethische Policy. Wir machen uns viel mehr Gedanken über die ethischen Richtlinien, als über die datenschutzrechtlichen, denn gerade in Deutschland oder im EU-Kontext sind die Datenschutzrichtlinien nicht so streng, wie ich sie in manchen Bereichen gerne sehen würde. Und man schafft es tatsächlich, bei Facebook sehr viele Informationen zu bekommen, die dann auch soziodemografisch sehr viel über die Personen verraten und diese Informationen machen wir aber bewusst nicht verfügbar, weil wir eine ethische Werk-Policy haben, die das nicht erlaubt.

Wie wichtig ist denn aus Ihrer Sicht generell das Internet für die Meinungsbildung oder gar für die Demokratie?

WANDHÖFER: Ich glaube, das kann man pauschal nicht beantworten. Es gibt mit Sicherheit sehr viele positive Beispiele, es gibt vielleicht auch negative Beispiele, aber ich denke auch, dass das eine der wichtigsten Fragen überhaupt ist. Was verbirgt sich überhaupt hinter dem Internet und Web 2.0 und gerade jetzt aktuell auch dem Social Web? Das sind Fragen, die wir vielleicht aktuell erst beantworten können.

Das Interview führte Alisa Ruprecht

Wie gefährlich ist es, wenn Forschungsergebnisse der Wissenschaft aus Finanzierungszwecken an diverse Wirtschaftsinstanzen weitergegeben werden? Diskutieren Sie weiter auf www.digitalbuerger.de

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