6 “Kannibalisierung der Likenden”

Gekaufte Likes, gekaufte Kommentare: Die Berliner “Like-Detectives” zeigen, wie Unternehmen die “Gefällt mir”-Funktion bei Facebook missbrauchen.

von Valentin Niebler

Boris Eldagsen könnte wirklich Detektiv sein. Ein ruhiger Mann mit Zyniker-Humor, nur die Pfeife fehlt. Dafür trägt er nur schwarz, und ein Bier im Anschlag – zumindest heute Abend.

“Geschummelt wurde ja schon immer“ erklärt Eldagsen. Er erzählt von Jubelpersern, anno 1967, und der Geschichte der Manipulation. Heute, im Internetzeitalter, wird online gejubelt. Das Geschäft floriert und Eldagsen hat es erforscht.

Eldagsen steht im Arbeitszimmer einer Berliner Mehrzimmerwohnung, um ein Experiment vorzustellen. Um ihn zwängen sich etwa 20 Interessierte, neben ihm steht ein Flachbildschirm. Eldagsen ist hier, um über „die dunkle Seite der Likes“ zu sprechen. Gemeinsam mit drei Kolleg_innen hat der Berliner im August die „Likedetectives“ gegründet. Die Gruppe will Schummeleien im Internet öffentlich machen.

„Es handelt sich hier um eine Manipulation, die in alle Richtungen gehen kann“, erklärt Eldagsen. Seit April befasst sich der 42-jährige mit dem Like-Handel im Netz. Auf das Thema ist er beim Arbeiten gestoßen: Als Creative Consultant berät Eldagsen große Firmen bei Medienkampagnen.

Ihr Augenmerk haben die Like-Detectives auf Facebook gelegt, den Goliath der Sozialnetzwerke. Dabei interessiert sie vor allem der „Gefällt mir“-Knopf, der sich auch außerhalb Facebooks im Internet tummelt. Seit Facebook boomt, sind die Likes zur Netzwährung gewachsen. Unternehmen messen Erfolg an deren Höhe – mehr Likes, mehr Erfolg. Wer die Zahlen auf seiner Facebook-Präsenz aufmotzen möchte, kann mittlerweile auch Fans kaufen. Das steht dann zwar nicht für mehr Erfolg, sieht aber gut aus.

Boris Eldagsen wollte auszuprobieren wie das funktioniert. Dazu hat er einen Selbstversuch gewagt und selbst Likes gekauft. „Ich habe 2000 Likes bei Ebay gekauft, für 15 Euro Neunzig“, erzählt er. Zuvor hatte Eldagsen sich eine Facebook-Seite erstellt, ohne Inhalte. Es vergingen einige Tage, am Ende hatte Eldagsens Seite 2000 Bewunderer.

Eldagsen wollte wissen, woher die Likes kamen. „Es stellte sich schnell heraus, dass die Profile nicht echt waren“ erzählt er. Die Nutzer waren offensichtlich per Computerscript generiert. Ihr Ziel: „Liken“ auf Kommando. „Die Like-Aufträge werden wohl auch weiterverkauft“, mutmaßt Eldgasen. Er hatte bei einem englischen Anbieter gekauft, die „Fans“ waren aber in den USA und Rumänien registriert.

Für mehr Geld können auch „lebende“ Fans – also echte Facebook-Nutzer – gekauft werden. Ein Verkäufer bietet 1000 lebende Fans für 22,90 Euro an. Die Nutzer gibt es wirklich, sie werden für jedes „Gefällt mir“ bezahlt. „Bestimmte Kategorien kosten zusätzlich“ erklärt Eldagsen. So lassen sich auch ausschließlich deutsche Fans kaufen, um die Fan-Authentizität zu erhöhen.

Eldagens skandalösester Fund geht noch ein Stück weiter: „Wirklich erschreckend ist, dass man auch Kommentare kaufen kann“, erzählt Eldagsen. Dabei kommentieren Nutzer die Beiträge, die auf einer Seite veröffentlicht werden. Auch das hat Eldagsen ausprobiert. Beim Anbieter „Pro Comments“ kaufte Eldagsen für 13 Dollar 100 Kommentare. Das Ergebnis: Auf Eldagsens Seite trudelten im Laufe weniger Tage 100 Jubel-Kommentare ein.

„Dieses Prinzip funktioniert auch in die andere Richtung“ ergänzt Eldagsen. „Wer möchte, kann sich einen Shitstorm kaufen.“ Dann landen Hass-Kommentare auf der Seite eines Konkurrenten.

Sein Like-Kauf gab Eldagsen die Möglichkeit, weiter zu forschen. Er sah etwa, wo seine Roboter-Fans noch als Bewunderer verzeichnet waren. „Interessant, wer sich da so tummelt“ sagt Eldagsen und zeigt ein paar Beispiele. Da finden sich dubiose Anwälte, Esoterikseiten und ein Ergo-Versicherungsberater. Aber auch seriöse Marken wie der Deutsche Filmpreis. „Beweisen kann man aber gar nichts“ betont Eldagsen. Die Likes könne schließlich jeder kaufen. Genauso gut kann es sich um Konkurrenten handeln, die einer Marke den „Like-Kauf“ anhängen wollen.

Für seinen letzten Versuch wechselte Eldagsen noch einmal die Rolle. Vom Like-Konsumenten wurde er jetzt zum Like-Produzenten. Mit Anja Koeppen, ebenfalls Like-Detektivin, meldete sich Eldagsen auf Portalen an, die Nutzer für ein „Like“ Geld bezahlen. Pro „Gefällt mir“ erhalten Klick-Willige dort etwa 2 Cent. „Wir haben kräftig geliked“, erzählt Eldagsen. Das erklickte Geld erhielten sie trotzdem nicht. Ausgeschüttet wird nämlich oft erst ab 15 Euro, was sehr lange dauert. Und einige der dubiosen Arbeitgeber verweigern schlicht die Zahlung.

Warum ist der Like-Wettbewerb so wichtig geworden? „Firmen möchten die Nummer eins auf dem Markt sein, und tun dafür alles Erdenkliche“ erklärt Eldagsen. „Im Grunde ist das eine Art Schwanzvergleich.“ Er sagt aber auch: „Solange in der Berichterstattung nur auf Zahlen geachtet wird, wird diese Bewegung nicht aufhören.“ Den Missbrauch der Like-Funktion bezeihnet Eldagsen als „Kannibalisierung der Likenden“.

Bei Facebook weiß man von dem Problem, unternimmt aber kaum etwas. Das Unternehmen schätzt die Anzahl der zu Werbezwecken angelegten Fake-Accounts auf 1,5 Prozent. Eldagsen glaubt an eine höhere Zahl: „Aus dem Bauch heraus würde ich sagen 10 Prozent. Manche Prognosen reden sogar von 14 Prozent.“

Eldagsen trat nach seinem Experiment an die europäische Facebook-Zentrale in Dublin heran. Auf eine generelle Frage zum Thema antwortete ihm ein Mitarbeiter: „Currently, we only investigate on request.“ Ergo: Selbst wenn Facebook ein Like-Betrug auffällt, interveniert erstmal niemand. Als Eldagsen in einer weiteren Mail mit seinem Experiment herausrückte, endete der Email-Kontakt plötzlich. Auch Eldagsens Seite blieb im Netz.

Das Fazit von Eldagsens Experiment: Es wird mächtig geschummelt – und so richtig stört das nicht mal Facebook. „Man kann den Likes also nicht mehr trauen“, schließt Michael Dreusicke, ebenfalls bei den Like-Detectives. Die Folge sei eine „Like-Inflation“: „Das, woran sich alle orientiert haben, wird wertlos.“

Mit ihren Ermittlungen sehen sich die Like-Detectives erst am Anfang. Bald wollen sie weitere Manipulationen öffentlich machen. Die Motivation zum Weiterschnüffeln ist da, und zumindest Boris Eldagsen erklärt schonmal: „Ich wühle gern im Dreck.“

Link: www.likedetectives.de

Nützt der Kauf von Likes einem Unternehmen? Wie wichtig ist das “Like” als Netzwährung inzwischen? Diskutieren Sie mit auf www.digitalbuerger.de

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