25 Quantified Self und wenn ja, wie viele? – Ein Selbstversuch

Die junge Quantified Self Bewegung geht derzeit um die Welt. Sie beschäftigt sich mit der Selbstvermessung von alltäglichen Aktivitäten und Körperfunktionen. Mit einem Selbstversuch beuge ich mich meiner Neugierde.

Von Simon Brodnicki

Der Gedanke daran, dass ich mich für eine Woche durch meine Selbstvermessung dem Internet und der Quantified Self- Idee ausliefern soll, löst unterschwellig gleich im ersten Moment Unbehagen aus. Aber auch wenn etwas Überwindung notwendig ist, gebe ich im Endeffekt doch meiner Neugierde nach und beginne den Selbstversuch mit der ersten Pulsmessung – deren Ergebnis übrigens laut Wikipedia leicht erhöht ist.

Schon als ich das erste Mal mit dem Begriff Quantified Self, zu deutsch “das gezählte Selbst”, in Berührung gekommen bin, dachte ich unweigerlich daran, dass es sich um etwas Unvereinbares handeln muss. Natürlich ist es möglich, die alltäglichen Aktivitäten und Körperfunktionen, wie beispielsweise den Herzschlag, in Zahlen darzustellen und mit anderen zu vergleichen, aber es sagt noch lange nichts über das eigene und das Glücksempfinden der anderen aus. Ich behaupte einfach mal, dass ein Mensch, sollte er nicht Herr Mustermann heißen, deutlich unberechenbarer und individueller ist als ein Kühlschrank. Vielleicht ist die Selbstvermessung aber auch ein Ausdruck einer wissensdurstigen Kultur und eine Hilfe bei der Orientierung innerhalb einer pluralistischen Gesellschaft, die sich durch Statistiken andauernd selbst verorten muss.

Die Argumente der noch jungen Quantified Self Bewegung sind für mich weitestgehend einleuchtend. Zusammengefasst stelle ich fest: Die Selbstbeobachtung bzw. Selbstvermessung durch das Sammeln von Daten soll dazu dienen, bestimmte Muster aufzudecken, um im Anschluss einen Ansatz zur Optimierung zu finden. Das Ziel soll ein glücklicheres und produktiveres Leben sein, was auch immer das bedeuten mag. Das alleine ist sicherlich kein wirklich neues Konzept. Versicherungen quantifizieren unser Leben von jeher. Was sich jedoch geändert hat ist, dass nun jeder mit Internetzugang diese Daten selbst erheben kann. Die Fragen, die ich mir daher stelle, sind: Wieso sollte man sein eigenes Leben in Zahlen ausdrücken? Was sagen Durchschnittswerte über ein Leben aus? Und wieso sollte ich Tätigkeiten quantifizieren, die wir alle gemein haben, die aber aus so unterschiedlichen Lebenswelten kommen?

So viel zur Theorie. Um eigene Antworten zu finden, starte ich kurzerhand meinen Selbstversuch, um mich eine Woche lang zu vermessen. In dieser Zeit notiere ich alle zu mir genommenen Mahlzeiten und untersuche sie auf ihren Nährwert, ich messe meinen Puls in regelmäßigen Abständen und lasse mein Bewegungsprofil erstellen. Zudem vergleiche ich die Zeit, die ich zum Schafen, Arbeiten, Ausgehen, Trainieren und Zuhausesitzen verwende, mit den Zeiten anderer App-Nutzer_innen. Teilweise werden die Werte voll automatisch gemessen, andere Apps erfordern wiederum eine manuelle Eingabe. Dabei ist im Nachhinein betrachtet die Anzahl der Tippfehler auf dem Smartphone doch fast noch am Interessantesten, aber das ist nicht Gegenstand meiner Untersuchung.

Hier meine Ergebnisse: Die Messung meines Pulses ergibt einen durchschnittlichen Ruhepuls von etwa 80 Schlägen pro Minute. Da ich kein Arzt bin und die App auch keine Sprechstunden gibt, habe ich Wikipedia konsultiert. Hier heißt es, dass ein durchschnittlicher Erwachsener einen Ruhepuls von 70 Schlägen hat. Dass ich nicht gerade gesund lebe, weiß ich selbst, aber ist das jetzt ein Problem? Jetzt heißt es App versus Expertenwissen: Diese Differenz interpretiere ich für mich so, dass ich entweder überdurchschnittlich oft gestresst bin oder öfter auf die U-Bahn verzichten und lieber das Fahrrad nehmen sollte. Für eine kompetente Antwort habe ich leider keinen Kardiologen zur Hand, sondern lediglich mein gefährliches Halbwissen und irgendwie wollen die Werte ja auch interpretiert werden. Aber nur weil ich eine Wasserwaagen-App herunterlade, kann ich noch lange kein Haus bauen. Vielleicht sollte man in Zukunft daran denken, bestimmten Apps einen Beipackzettel mitzugeben.

Das mit der Dokumentation meiner Essgewohnheiten ist ein totaler Flop, weil mir die App unmerklich vermittelt, dass ich innerhalb dieser Woche zu wenig gegessen habe und daher kein Ergebnis liefern kann, was schlichtweg eine Lüge ist. Es kann sich dabei nur um einen genialen Schachzug der Lebensmittelindustrie handeln.

Das Erstellen meines Bewegungsprofils verläuft dagegen voll automatisch. Die App sagt mir hier, dass ich in dieser Woche innerhalb von Berlin 75 Kilometer zurückgelegt habe. Das ist zunächst einmal kein sonderlich interessantes Ergebnis, wenn man meinen Alltag berücksichtigt. Viel spannender ist, dass ich mich angeblich davon 18 Stunden und 16 Minuten in Schöneiche bei Berlin aufgehalten haben soll. Erstaunlicherweise weiß ich davon nichts. Betrachtet man diesbezüglich ein Bier als eine Mahlzeit, was ich getan habe, liefert die Mahlzeiten-App aber auch hier keine schlüssige Erklärung. Bleibt noch das Versagen der Technik als Indiz, was mir an dieser Stelle recht ist.

Zuletzt ist da noch die Quantifizierung meiner Schlafgewohnheiten und wie ich sonst so meinen Alltag gestalte. Ziel der Übung ist ein Vergleich meiner durchschnittlich aufgewendeten Zeit für alltägliche Aktivitäten mit den Werten anderer App-Nutzer und App-Nutzerinnen.

Zusammengefasst: Ich schlafe zu viel, trainiere zu wenig, gehe zu häufig aus und arbeite nicht genug. Hätte das ein guter Freund zu mir gesagt, würde ich mir Gedanken machen, weil er mich und meinen Alltag kennt. Dieser ist übrigens in letzter Zeit reichlich stressig, was Gott sei Dank auch die App für Pulsmessung ergeben hat. Am Ende des Selbstversuchs lese ich jedoch eine Information auf dem Bildschirm meines Smartphones und sehe nur eine digitale Leitkultur, die mir zu verstehen gibt, dass ich etwas ändern sollte.

Wieso ich es dennoch nicht tun werde, bleibt freilich mein Geheimnis und lässt sich nicht in Zahlen darstellen.

Mein Smartphone würde mich sowieso nicht verstehen.

Für wie konstruktiv halten Sie die Tendenz in unserer Gesellschaft, sich auf quantifizierbare Werte zu stützen und zu versuchen Mangel mit Norm und Kontrolle zu bekämpfen? Diskutieren Sie mit auf www.digitalbuerger.de

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