24 Ich zähle, also bin ich

Selbstbeherrschung durch Apps: Anhänger der Quantified-Self-Bewegung erheben möglichst viele Daten über ihr Leben. Mit den neuen Technologien erfüllt sich ein Jahrhunderte alter Traum.

 

Von Anja Napolow

Eine App für den Puls, eine für die Herzfrequenz, dann noch eine für die Überwachung der Essenseinheiten und eine zusätzliche App für die Kontrolle der Hirnleistung. Quantified Self hat seit der Einführung aus den USA im Jahre 2008 große Popularität erlangt, so dass die Bewegung nicht länger als eine Ausnahmeerscheinung gesehen werden kann, denn immer mehr Menschen sind dazu bereit ihren Körper zu vermessen und die quantifizierten Daten dann auch in einer Internetcommunity zur Verfügung zu stellen.

Es stellt sich dabei die Frage, warum die Fixierung auf das Zahlenmaterial besonders in der heutigen Gesellschaft auf eine so große Interessengemeinde stößt und was die Gründe dafür sind.

Hinter der sogenannten Quantified Self-Bewegung steckt jedoch nicht nur der Gedanke, die Körperfunktionen zu messen, sondern mit Hilfe der ermittelten Daten auch völlig neue Zusammenhänge zu entdecken, um damit beispielsweise die körperliche Leistungsfähigkeit noch weiter zu optimieren. Doch die Bewegung zeigt mit dem Blick auf kulturgeschichtliche Prozesse auch auf, was der Mensch schon jahrhundertelang angeschoben hat und was erst jetzt mit Hilfe der Technik umgesetzt werden kann: die ständige Kontrolle, Fixierung und Visualisierung der menschlichen Natur mit Hilfe von technischen Algorithmen.

Körperwelten

Der Wunsch nach Kontrolle von Systemen und Mechanismen ist nicht neu und immer schon ein Teil von Kultur gewesen, denn besonders in dem menschlichen Verlangen nach Bändigung und Bezwingung der Natur drückt sich die Dichotomie von Kultur und Natur aus. Es wundert also nicht, dass der Mensch sich auch heutzutage mit den Funktionen des eigenen Körpers auseinandersetzt und Körperstudien anfertigt – nur eben auf technischer Ebene. Doch im Unterschied zu der bisherigen Auseinandersetzung werden durch die neuen Möglichkeiten nicht nur „unsichtbare Körperprozesse“  in eine sichtbare Form von Daten transferiert, sondern es konstruiert sich durch das digitale Medium auch eine neue Perspektive auf den Körper in der Realität selbst.

Bereits in der Antike finden sich Grundgedanken zum Vermessen des Körpers in Form von plastischen Studien wieder. Die Fortsetzung der Untersuchungen erfolgte dann vor allem in den Arbeiten von Leonardo da Vinci, der Körperstudien an Leichen durchführte, um die Anatomie des Menschen und die damit verbundenen Körperprozesse besser verstehbar zu machen.

Die Beschäftigung mit dem Körper hatte in allen Kulturen einen hohen Stellenwert, die auch immer eng mit der Frage nach der menschlichen Seele im Körper und ihrem Verbleib nach dem Tod im Zusammenhang stand. Durch die technischen Innovationen wird jedoch nicht nur die Körperlichkeit als solche neu interpretiert, sondern mit ihr wird auch die Frage aufgeworfen, wie viel Seele oder Identität in einem persönlichem Internetprofil von jedem Nutzer und jeder Nutzerin steckt.

Digitale Identität

Identität konstituiert sich in der Regel immer aus den disparaten Selbst- und Welterfahrungen, eigenen und Fremdentwürfen, in der Umsetzung und Erfüllung von bestimmten Rollenbildern und steht immer eng im Zusammenhang mit den eigenen und gesellschaftlichen Erwartungen und Anforderungen. Im Hinblick auf die digitale Persönlichkeit ergibt sich nicht nur ein Wechsel sondern eine gänzlich neue Komposition der Identität. „Die Wahrnehmung einer digitalen Persönlichkeit muss vielmehr mit der Frage verbunden werden, welches Bild des analogen Ichs durch den digitalen Rahmen komponiert wird,“ sagt die Wissenschaftlerin Daniela Kuka von der Universität der Künste Berlin.

Die digitale Identität kann deshalb vielmehr als eine Verschmelzung von analoger, physiologischer und digitaler Persönlichkeit verstanden werden. Die sogenannten Selftracker ermitteln ihre Daten mit Hilfe von unterschiedlichen Anwendungsprogrammen für ihre Smartphones und aktualisieren diese regelmäßig auf öffentlichen Plattformen wie beispielsweise mykloud.de oder The Eatery. Nach der Messung, so die Zukunftstheorie, werden die Körperdaten in einem Ranking aufgelistet.

In der persönlichen Körperwahrnehmung bildet sich dann ein „sechster Sinn“ aus, wie Daniela Kuka es beschreibt, der gewissermaßen wie ein Sensor funktioniert. Nicht mehr das Gefühl von beispielsweise Hunger entscheidet darüber, ob nun gegessen wird oder nicht, sondern die quantifizierten Daten zeigen in der Summe der Veränderung von unter anderem Puls und Herzfrequenz an, welche Optimierungen im Sinne von Nahrungszufuhr oder Schlafen im nächsten Schritt durchgeführt werden sollten.

Die Einbindung der Zahlen in eine digitale Plattform nennt sich „Frictionless Quantification“ und ist die öffentliche Darstellungsform von quantifizierten Körperwerten. Viele Selftracker berichten, dass sie durch die Quantifizierung eine Verbesserung ihrer Werte feststellen können und sich gut fühlen. Durch die Daten ergibt sich daher kein neues Körperwesen, sondern vielmehr ein Schattenbild der Daten, bei dem vergangenes und gegenwärtiges Zahlenmaterial vom Menschen miteinander kombiniert werden. Das digitale Medium ermöglicht eine Auswertung dieses Schattenbildes, wobei die Verformung des Schattens nur auf der realen Ebene vollzogen werden kann. Im Umkehrschluss stellt sich die Frage, inwiefern die Daten als digitale Spur eine Erweiterung des menschlichen Körpers in der Realität darstellen.

Daten als Erweiterung der Existenz

McLuhen nennt die Verbindung von Mensch und Technik „extension of man“. Die Grundidee dieser Denkrichtung ist, dass die Technik eine Verlängerung der menschlichen Extremitäten darstellt. Angewandt auf die Quantified Self-Bewegung bedeutet dies, dass statt der Extremitäten, die Wahrnehmungsebene der fünf Sinne um einen weiteren ergänzt wird.

Die Selbstwahrnehmung  der analogen Person wird durch die  Projektion der persönlichen Daten im digitalen Raum erweitert und ermöglicht in dieser Verknüpfung die absolute Kontrolle des realen Körpers. Der Transhumanismus ergänzt diese Ansicht und sieht in den technischen Innovationen nicht nur die Ausweitung des menschlichen Körpers, sondern auch die Erweiterung der menschlichen Möglichkeiten. Wie diese Möglichkeiten aussehen können, zeigt ein von der Universität der Künste in Berlin entwickeltes Simulationsspiel.

Social Quantified Self

„The Social Quantified Self – das analoge Simulationsspiel zur Erfahrbarmachung der totalen Quantifizierung Deines Lebens – mit allen Vor- und Nachteilen.“ So lautet das selbstformulierte Ziel des Projekts. In dem Spiel zeigt sich der Prozess der Identitätsbildung auf spielerischer Ebene und bezieht im Unterschied zum aktuellen Selftracking die gesellschaftliche Ebene mit ein.

Während das Internetprofil heutzutage noch nach dem persönlichen Geschmack gestaltet wird, konstruiert sich das Profil der Zukunft anhand von generierten Daten der Person – so die Regeln im Spiel. Die Orientierung des Subjekts erfolgt nunmehr nicht mehr durch eine Selbsteinschätzung, sondern wird durch ausschließlich durch quantifizierbare und algorithmisch interpretierte Daten vorgegeben. Durch permanentes Selftracking werden Daten in Zukunft direkt vom Körperchip an die passenden Datenbanken übermittelt. Dies bedeutet beispielsweise für die Angabe Sportlichkeit im Profil, dass diese auch in der Realität erfüllt sein muss.

Ein Profil kann somit nur noch durch reale Daten beeinflusst werden. Durch die Körperdaten im Ranking ergeben sich mit der Zeit gewisse Durchschnittswerte. In ihrer Fiktion über die Zukunft des Selftrackings benennt Kuka den Protagonisten auch gerade aus diesem Umstand heraus, Max Mustermann. Doch in diesem Namen zeichnet sich auch  die Gefahr  der Entwicklung ab, weil gerade die Daten von Rankings auch immer ein algoritmisches Produkt in Serie darstellen und somit gewissermaßen auch der Mensch zu einem Datenprodukt in Serie avanciert.

Aber das Projekt zeigt auch noch weitere moralische Schattenseiten menschlicher Interaktionen auf. In der ständigen Optimierung  von Profildaten, sind die Teilnehmer_innen des Spiels zeitweise dazu gezwungen, sogar Freundschaften zu beenden, damit ihre Position im Ranking durch die negativen Einflüsse von Profilen der Freunde nicht  abfällt. Doch genau diese Verbindung von Selbstoptimierung und spielerischen Elementen sind die Mechanismen, die die Entwicklungen der Zukunft wesentlich beeinflussen werden. Gamification nennt Kuka das Phänomen, in dem spielerischer Wettbewerb und Die Sammlung der Daten zusammenkommen. Das Spiel zum Social Quantified Self stellt diese Mechanismen in vereinfachter Form dar und demonstriert, wie es sein könnte.

Was die Zukunft bringt

Im ersten Moment klingt die derzeitige Umsetzung der „Quantified Self“-Bewegung noch nach einem Selbstzweck, um die Leistungsfähigkeit zu optimieren und gewisse Körperfunktionen regulieren zu können. Doch was passiert mit dem Datenmaterial? Schon heute können in der Bundesärztekammer die Daten der Versicherten in einer Datenbank erfasst werden, die sogar detaillierte  Krankheitsanamnesen beinhalten.

Auch die Werbeindustrie ist zunehmend dabei, Daten über ihre Nutzer_innen zu sammeln,  um Verkaufsangebote noch besser an die Verbraucher anpassen zu können. Das Szenario, wie es das Forscherteam der Udk entworfen hat, beschränkt sich dabei nur auf die Bereiche Soziales, Gesundheit und Business. Wobei Business hier nicht mit Vermarktungsstrategien zu verwechseln ist. Das Spiel zeigt in gewissem Maße ein Spiegelbild der Zukunft und ermöglicht dadurch eine Ist-Analyse der Gegenwart. Es werden keine Ausrufezeichen gesetzt – kein „Das wird so!“ –  sondern lediglich Fragen aufgeworfen, die in letzter Konsequenz von jedem selbst beantwortet werden müssen.

Das Prinzip der Kultivierung der Natur wird  ins Digitale übertragen. Der Mensch der Neuzeit, bewirtschaftet keine Ackerflächen mehr, sondern erobert die „unsichtbare“ Sphäre der Zahlen hinter dem Desktop für sich und fängt an die menschliche Körperlichkeit mit technischen Mitteln auszuweiten. Das Selftracking zeigt, wie sich das Bedürfnis von Kontrolle und die Suche nach dem Selbst mit den technischen Neuerungen verbinden kann. Frei nach der Interpretation der descartschen Denkrichtung, wird das digitale Ich in der Zukunft immer an das von ihm generierte Zahlenmaterial in der digitalen Sphäre gebunden sein. Gemäß dem Motto: Ich zähle, also bin ich.

Wie sehr verändert sich mit dem digitalen Netz unser Körperbild? Diskutieren Sie mit auf www.digitalbuerger.de

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