11 Lerneffekt ePartizipation

Lesen, kommentieren, sich Meinungen bilden. Partizipationsplattformen werden vielseitig genutzt. Und das sollen sie auch, denn sie weisen Nicht-Beteiligten den Weg.

von Annika Willers

Schritte
ePartizipation steckt noch in den Kinderschuhen, bietet aber viel Raum zur Entfaltung und zum von-einander-Lernen. Foto: Conor Kelly/flickr (CC BY-NC-ND 2.0/http://www.flickr.com/photos/conorkeller/6954346732/sizes/l/in/photostream/)

Was man von online-Partizipationsplattformen lernen kann

Partizipation liegt in aller Munde. Durchs Internet scheint es so einfach: Man klickt auf eine ePetition oder stimmt per Mausklick über eine Entscheidung ab. Man gibt an, dass bestimmte Aktionen einem gefallen und trägt sich in die Gruppe der Acta-Gegner ein. Natürlich ist das nicht alles. Es gibt genügend Aktivisten, die sich an Gleise ketten, auf Schilder gemalte Forderungen hochhalten und Stadtgärten anlegen. Auch im Internet zeigt sich Aktivität in aufklärenden Blog-Einträgen, Aufrufen zu Events und Schweigeminuten. Für die meisten gilt jedoch: Sie unterschreiben vielleicht die Petition und nehmen an der Schweigeminute teil, tun sich aber schwer damit, sich einer klaren Bewegung anzuschlieβen, oder direkte Werte nach auβen hin zu vertreten. Wie kommt das und was kann dem entgegen wirken?

Erster Schritt: Meinungsbildung

Der Sozialwissenschaftler Dr. Ansgar Klein sieht Desinformation und Intransparenz als Barrieren für Beteiligung: “Es braucht Zwecke oder Werte für Beteiligung. Wenn ich nicht weiss, wofür ich mich einsetzen soll, ist Beteiligung schwierig.” Grade in sozial schwächeren Schichten fehlt es seiner Meinung nach an Interesse sich zu beteiligen, aufgrund mangelnder finanzieller Resourcen, aber auch Zweifeln daran, ob Demokratie ihnen etwas bringt und ob Beteiligung sie aus der empfundenen Ungerechtigkeit herausführen kann. Eine stichprobenartige Umfrage im sozial gemischten Berlin-Kreuzberg zeigt, wie unterschiedlich Einstellungen zu politischer Beteiligung ausfallen können.

Expert_innen sind sich einig, dass der erste Schritt zu Beteiligung aus Meinungsbildung anhand von umfangreichen Informationen besteht. Die Funktionen des Internets erleichtern diesen Schritt: man ist nicht länger gezwungen, Zeitungen zu kaufen, Bibliotheken aufzusuchen und zu wissenschaftlichen Vorträgen zu gehen. Informationen bietet das Internet über jedes erdenkliche Thema und mit verschiedensten Meinungen und Kommentaren dazu. Die Schwierigkeit scheint jedoch darin zu liegen, mit Beiträgen in Kontakt zu kommen, die Situationen aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten und unterschiedliche Stimmen einfliessen zu lassen. Aus Medienforschungsprojekten geht hervor, dass trotz neuer Journalismusformen die hochfrequentierten meinungsbildenen Webseiten hauptsächlich Beiträge aus der journalistischen Perspektive zeigen und konträre Meinungen vernachlässigen – oder zumindest nicht offen ersichtlich auf Startseiten zeigen. Auch die Stimmen der Betroffenen werden selten direkt angeboten. Dialoge und das Austauschen von Argumenten rücken daher in die Ferne, und sind ohnehin meistens politisch ausgerichtet und aufgrund ihrer hohen Abstraktion für ein breites Publikum eher unattraktiv. Dr. Ansgar Klein stellt fest, dass auch junge Leute das Internet nicht unbedingt zur Informationsbeschaffung nutzen. Demnach ist der persönliche Bezug und der Austausch relevanter Ansichten nach wie vor ein Mangel für viele, gerade bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Sozialwissenschafterlin Irene Costera-Meijer hat die Bedürfnisse dieser Zielgruppe analysiert und festgestellt, dass sie zwar gerne durch verschiedene Beiträge surfen, aber darauf verzichten tiefgehend auf Beiträge einzugehen. Dennoch vermissen viele von ihnen eine gewisse Vielschichtigkeit und Mehrstimmigkeit in den ihnen bekannten Medien, sie hätten gerne Alternativen zur journalistischen Sichtweise und Stimmen aus dem Volk, die Erlebnisse und Stimmungen in direkter Form vermitteln.

Experten sprechen im Zusammenhang des Aufsuchens von Vielschichtigkeit oft von Medienkompetenz, also dem autonomen und zielgerichteten Umgang mit den Medientechnologien. Ebenfalls an diesen Begriff gekoppelt ist der kritische Umgang mit den Medien und das Hinterfragen von journalistischen Beiträgen. Das Erlangen von ausreichender Medienkompetenz ist ein wichtiger Faktor, dennoch bleibt die Frage bestehen, woher die Motivation für Beteiligung kommen soll.

Partizipationsplattformen

Einige Medien greifen die Mehrstimmigkeit und den persönlichen Bezug auf. Zebralog zum Beispiel konzentriert sich auf lokale Themen. Wenn es um die Zukunft des eigenen Wohnorts geht, liegt Beteiligung näher als bei abstrakten politischen Prozessen, wo die Konzequenzen höchstens indirekt erkennbar werden. Allein die Möglichkeit sich einzubringen scheint jedoch nicht auszureichen. Mit Oliver Märker von Zebralog beruft sich daher auf die nicht-virtuelle Ebene der Beteiligung. In vor-Ort Events und Gesprächen werden Interessierte über die Themen aufgeklärt. Eine weitere Möglichkeit könnte auch eine langsame Gewöhnung an neue Kommunikationsformen sein. Nadia El-Imam von Edgeryderssieht Kommentare nicht nur als Form der eigenen Einbringung, sondern der Kontakt mit Geschriebenen und Kontakten dazu kreiert schon eine gewisse Zugehörigkeit.

“Du kannst einfach nur lesen und dich an der Erfahrung anderer beteiligen; und anderer Leute Reaktionen darauf. Dies ist bereits eine Form der Beteiligung, du bist Teil des Dialogs. Du kannst aber auch selber kommentieren, was mitterweile ziemlich etabliert ist. Und dazu wirst du auch aufgefordert. Wir hatten bis vor kurzem Beteiligungsmanager, die jede Person begrüssen und nach Interessen befragen.”

Das erste Ziel der Plattform ist es, eine junge Generation von Europäern zu inspirieren, informieren, ermutigen und zu unterstützen. Die Betreiber der Webseite nutzen die Informationen, die die User einbringen, um Gesetzentwürfe rund um das Thema Jugend und Arbeit zu liefern. Außerdem soll es jedoch darum gehen, dass junge Leute sich selbst mit ihren Problemen auseinandersetzen und dazu beitragen, dass sie in ihrer Situation verstanden werden. “Peer-to-peer learning” wird der Prozess daher auch genannt.

Gemeinschaftsprozess

Zugehörigkeit am Prozess durch einfaches Lesen der Geschichten und Kommentare kann ein wichtiger Faktor sein. Leser_innen werden dadurch mit verschiedenen Stimmen und Meinungen konfrontiert und werden so ermutigt auch ihre eigene Stimme mit einzubringen. Vorteil der Partizipations-Plattformen wie Zebralog und Edgeryders ist, dass über Themen gesprochen wird, die die Leser_innen direkt betreffen (Zukunft der Stadt oder berufliche Zukunft junger EU-Bürger) ohne dass sich Hierarchien bilden. In klassischen Nachrichten ist es oft der Fall, dass Leser_innen Kommentare einbringen können, die Autorität oder sogenannte Meinungshoheit immer noch beim Journalisten liegt, der den Artikel verfasst hat.

Zudem können klassische Medien auch ohne die Kommentare der User_innen bestehen; die Artikel wären trotzdem vorhanden. Bei Portalen wie Zebralog und Edgeryders ist das anders. Die User_innen brauchen einander um Meinungen einzubringen, auf diese zu reagieren und so einen Inhalt zu schaffen. Als reine Leser_innen mag man schon Teil dieser Bewegung sein, indem man den Schreibenden seine Aufmerksamkeit schenkt. Vor allem jedoch wird einem bewusst, dass wenn man sich dem Dialog nicht anschliesst, man die Wirkung des Portals verfehlt. Als einen der Hauptgründe die Plattform zu betreiben, nennt Nadia El-Imam die Zusammengehörigkeit der Teilnehmer_innen, den Austausch von Wissen und Ideen. Die Seite von Edgeryders selbst gibt jedoch auch deutlich an, dass es um Gesetzentwürfe auf europäischer Ebene geht. Eine nicht zu verachtende Motivationsgrundlage. Denn neben der Gemeinschaft wird auch häufig genannt, dass Beteiligte das Wissen oder die Annahme, dass ihr Input wahrgenommen und für weiterführende Aktionen tatsächlich eingesetzt wird, sehr stimulierend wirkt. Andere zu inspirieren hat nur einen geringen sichtbaren Erfolg, weshalb alleinig der Effekt des „peer-to-peer learning“ wohl kaum als Motivation für grossflächigen Austausch dienen dürfte.

Bürgerexperten

“Bürger sollten nicht zu Experten werden müssen, um mit Experten diskutieren zu können.”

Oliver Märker von Zebralog meint, dass Bürger_innen nicht alles wissen müssen, um mitreden zu dürfen. Einblicke in Alltagszustände reichen aus, um Ideen in politische Prozesse miteinfliessen zu lassen. Mit dieser Grundvorraussetzung als User_in, ist man in Nadia El-Imam’s Augen bereits Expert_in. Mit Slogans wie “the rise of the citizen expert” wirbt sie für das Sammeln und Einbringen von Kenntnissen und Fähigkeiten aus der breiten Masse. Ihrer Meinung nach kann die gesammelte Expertise von hunderten Plattform-Benutzer_innen mehr Weisheit zu Tage fördern, als ein Team von sorgfältig selektierten Fachleuten. Nach dem Prinzip der self-fullfilling prophecy handeln Menschen als Expert_innen wenn sie als solche behandelt werden. Dies bestätigt sich im Edgeryders Dialog, wo laut Nadia El-Imam nur inhaltliche Beiträge beigesteuert wurden. Im Wissen ernst genommen zu werden und seiner Verantwortung nachzukommen, den Dialog über zukunftsträchtige Themen am Laufen zu halten, schien die Plattform von keinem der User_innen für unsachliche Zwecke missbraucht zu werden. Dass dies nicht selbstverständlich ist, zeigt ein Beitrag zur Kommentaretikette im Internet an Beispielen wo User_innen anonym und unmoderiert Kommentare hinterlassen können.

Gleichzeitig wird auf der Plattform kein Anspruch an Wahrheit oder Wettbewerb erhoben. So wird zum Beispiel nicht die beste Idee gekürt. Auch erhalten alle Beiträge Kommentare, sowohl zustimmend als auch ablehnend, sodass keine Hierarchien und Wettbewerbssituationen entstehen. Die User_innen der Plattform glänzen damit durchgehend durch ihre Expertise in ihren jeweiligen Bereichen, statt sich dem Wissen eines jeden Einzelnen in den meinungsbildenden Prozessen zu untergeben.

Vorteile der Technologie

Dialog und Bürgerpartizipation sind keine neuen Erfindungen. Was die Bürgerbefragung jedoch in ein neues Licht rückt, ist der Austausch zwischen Gleichberechtigten, der als zeitnah und ortsfern beschrieben wird. Durch den virtuellen Austausch wird der Dialog für andere, bisherige Aussenseiter, sichtbar. Aufgrund der Sichtbarkeit des Beteiligungsbedarfs sieht Oliver Märker in den digitalen Medien eine Verstärkung des Prozesses. Experten sind sich darüber einig, dass die blosse Tatsache den Dialog mitzubekommen, einen aufheizenden Effekt haben kann. Zudem ist ein gewisser Spassfaktor vorhanden, bei dem Austausch vieler Stimmen quer durch Städte, Länder und Europa.

Eine Technologie wie die für ePartizipation genutzten Plattformen birgt auch Nachteile. So sind die meisten User_innen selbstrekruitierend, woraus eine gewisse Überrepräsentation bestimmer Gruppen entsteht. Gebildete Männer sind eindeutig am stärksten beteiligt. Durch die Anonymität der Nutzer müssen die demografischen Daten der bisherigen Nutzer jedoch nicht zwangsläufig Auswirkungen auf die Beteiligung neuer Nutzer haben, oder gar abschreckend wirken. Nadia El-Imam warnt dennoch davor sich zu sehr auf die Technologien zu verlassen. Sie sieht Technologien nicht als die treibende Kraft sondern als eine Möglichkeit Arbeit und Lernprozesse neu zu organisieren. Darum sieht sie auch den digitalen Bürger als aktive Person, die an der gemeinsamen Zukunft mitwirkt, indem sie die zur Verfügung stehende Hilfsmittel angemessen nutzt. In diesem Fall sind das Internetplattformen. Das Zusammenspiel aus Vorbildfunktionen und dem Üben von Beteiligungsformen ist ein vielversprechendes Konzept, das verstärkt eingesetzt werden könnte um Bürgerbeteiligung auf den Weg zu bringen.

Weiterführende Links:

Interview mit Oliver Märker (Zebralog)

Interview mit Nadia El-Imam (Edgeryders)

Wie bewerten sie die Chance, dass die bloße Konfrontation mit anderen, gleichberechtigten Stimmen zu eigenen Reflektions- und Denkprozessen animiert und das Bedürfnis generiert, sich ebenfalls einzubringen? Diskutieren Sie mit auf www.digitalbuerger.de

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