17 „Fuck the Trolls“

Es wird Zeit, die Herausforderung der Trolle mit neuen Methoden anzugehen

von Baran Serhat Datli

Einer der bekanntesten netzpolitischen Blogger, Markus Beckendahl, hat keine Lust mehr. In einem Blogeintrag auf netzpolitik.org wendet er sich an die Community. Er schreibt, wie er an den sinnlosen Kommentaren von Usern verzweifelt, die nur beleidigend sind und nichts zur Diskussion beitragen. Er habe keine Lust mehr auf eine Streitkultur, in der ein Großteil der Teilnehmer, sogenannte Trolle, nicht konstruktiv miteinander diskutieren können. Trolle sind eine Plage für jedes Forum, jeden News- oder Chatroom. Sie pöbeln, provozieren und zerstören. Moderatoren von Foren, Community Manager_innen, haben sich ganze Nächte mit Trollen rumgeschlagen. Viele Betreiber_innen von Internetseiten werden überschwemmt von Troll-Kommentaren. Wer die Zeit, das Personal oder die Nerven nicht dafür hat, der verliert die Kontrolle über die Diskussionen auf seiner Seite. Einfach die Kommentare von Trollen zu löschen ist keine Lösung. Administratoren_innen bewegen sich damit in einer Grauzone zwischen Meinungsfreiheit und Zensur. Doch was tun gegen Trolle? Wegschauen oder gar Resignieren?

Neue Wege einschlagen

Die gängige Methode in der Netzgemeinde, „Don’t feed the Trolls“, also auf Trolle nicht zu reagieren, funktioniert auf Dauer nicht.Trolle gieren nach Aufmerksamkeit. Wird ihnen diese verweigert, reagieren sie wie trotzige Kinder. Sie werden aggressiv und verhalten sich konsequent destruktiv. Demnach kommentiert der Troll häufiger und wird provokanter in seinen Aussagen. Seine Aufmerksamkeitssucht macht ihn resistent gegen jede erzieherische Maßnahme. Selbst jemand, der oft in einem Forum debattiert, kann durch Trolle das Vertrauen in die jeweilige Community verlieren. Außerdem werden neue User abgeschreckt, wenn sie die Kommentare in einer kompletten Liste sehen. Oft sind die konstruktiven Kommentare aus dem Kontext gerissen und die Troll-Kommentare dominieren die Seite. Das richtige Rezept sollte jedoch lauten: Trolle müssen gefüttert werden, Feed the Trolls. In der Praxis heißt die Devise „Fuck the Trolls“, Trolle müssen also mit ihren eigenen Mitteln geschlagen werden. Die Methode ist so effektiv, wie denkbar einfach. Administrator_innen nutzten die größte Stärke der Trolle aus: Seine Anonymität. Der Spiegel-Kolumnist Sascha Lobo hat 2011 auf der Netzkonferenz re:publica davon berichtet, wie er einen Troll mit dem Namen „Friedrich“ bekämpfte, indem er Sockenpuppen, also erfundene Online-Profile, mit dem gleichen Namen erstellte und die komplette Gegenmeinung vertrat. Friedrich äußerte sich in einem Blog zum Grundeinkommen immer beleidigend. Sascha Lobo ließ deswegen anhand der gleichnamigen Nutzerprofile die Sockenpuppen-Friedriche einmal zum Marxisten und im nächsten Moment zum Rechtsradikalen mutieren. Der ursprüngliche Troll Friedrich kam damit in die Situation sich rechtfertigen zu müssen, der „echte“ Friedrich zu sein und verschwand aus dem Blog. Der Ansatz von Sascha Lobo ist der richtige, jedoch geht er nicht weit genug. Friedrich wird wahrscheinlich nicht mehr in dem Blog auftauchen, aber das Gesamtproblem des Trollens ist damit nicht gelöst.

Neue Wege einschlagen

Trolle sollen ihren eigenen virtuellen Raum bekommen, wo sie sich gegenseitig trollen können. Ein Swingerclub für Trolle, mit dem Motto „Trolls fuck Trolls“. Die Seite Welt Online wird oft als ein solcher Raum gesehen. Rechte Trolle übertrumpfen sich dort gegenseitig mit ihren Kommentaren. Der Postillon hat dies aufgegriffen und die Satire „”Welt Online” in Wahrheit Trick, um Arschlöcher von restlichem Internet wegzulocken“ veröffentlicht. Was als Ironie gedacht ist, wird in Wirklichkeit zur wirksamen Arznei gegen die Plage. Trolle können mit einem Link oder Querverweis auf eine extra für sie geschaffene Plattform gelockt werden, Blog-Plugin generieren diese Links automatisch, damit der geplagte Blogger zeiteffizient mit den Trollen umgehen kann. Die Plattform muss den Anschein erwecken ein echter Blog zu sein. Mit kontroversen Thesen geschriebene Artikel, wie z.B. „Warum der Islam nicht zu Deutschland passt“ oder „Grundeinkommen jetzt!“, und algorithmisch generierten Kommentaren von Sockenpuppen, werden Trolle auf der Plattform dauerhaft gehalten. Alle Bedürfnisse, die der Troll hat bzw. haben könnte, von der Aufmerksamkeitssucht bis zum Spass am Zerstören, werden auf diesem Blog befriedigt. Die Netzgemeinde wird in Ruhe gelassen. Im besten Fall wird ein Troll, durch das Trollen der anderen, seine Fehler einsehen und kann resozialisiert werden.

Ein Swingerclub für Trolle

Die Lösung ist also die Schaffung einer künstlichen Umgebung, in der sich der Troll aufgehoben fühlt und sich austoben kann. Dabei spielt es keine Rolle, wie beleidigend oder sinnlos die Beiträge sind, sie werden ja kontrolliert gezüchtet. „Feed the Trolls“ und „Fuck the Trolls“ werden so obsolet. Es braucht nur einen geeigneten Köder, in Form eines Nährbodens für Destruktives. Funktioniert der Köder, müssen die Trolle nicht gefüttert werden, sondern fressen sich gegenseitig ihre Zeit.

Wie kann man Trolle in eine konstruktive Diskussionskultur einbeziehen? Diskutieren Sie mit auf www.digitalbuerger.de

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