2 Der Mythos der Facebook-Revolution

Internet und soziale Netzwerke sind nicht die einzigen Agenten des Wandels, die den arabischen Frühling beeinflusst haben – und auch autoritäre Regime nutzen die neuen Technologien.

Von Sonja Peteranderl

Am Anfang war die Empörung, mit ein paar Klicks entstand eine Facebook-Seite – und dann folgte die ägyptische Revolution. Geschichten wie die erfolgreiche Mobilisierung durch die ägyptische Facebook-Seite “Wir sind alle Khaled Said” von Wael Ghonim – und der Wandel des jungen Google-Managers zur Symbolfigur der Revolution – suggerieren, soziale Netzwerke seien das Erfolgsrezept für den Umbruch in der arabischen Welt.

Der arabische Frühling verbreitete sich 2011 von Tunesien aus nach Ägypten, nach Syrien und andere arabische Länder, bis heute rearrangieren die Proteste und Kämpfe zwischen Regierungen und Bürger_innen die Machtgefüge in der Region – dabei haben auch soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter eine Rolle gespielt. Welchen Einfluss die Online-Kommunikation auf die Proteste hatte, ist allerdings umstritten.

 

Revolution 2.0? Der arabische Frühling ist nur zum Teil durch Internet und soziale Netzwerke beeinflusst Foto: SSoosay/flickr (CC BY 2.0) http://www.flickr.com/photos/ssoosay/

Der ägyptische Internetaktivist Wael Ghonim betitelte sein Buch über die ägyptische Revolution als “Revolution 2.0”, Medien riefen schon die “Facebook-Revolution” aus, doch die Online-Aktivitäten bildeten nur einen Teil der Faktoren, die die Proteste initierten und deren Ausbreitung und Erfolg bestimmten.

Tunesien: Gestreamte Selbstverbrennung

“Tunesien war keine Twitter-, keine Facebook oder Wikileaks-Revolution”, sagt Rim Nour, die die tunesische Revolution miterlebt hat. “Es waren die Tunesier auf der Straße – regionale Ungleichheiten, Korruption und Arbeitslosigkeiten waren die hauptsächlichen Treiber für die Revolution.” Die Proteste brachen spontaner und weniger organisiert los als in den anderen Ländern – als der 26-jährige Gemüsehändler Mohamed Bouazizi aus der Kleinstadt Sidi Bouzid im Süden sich nach einer Demütigung durch Polizeibeamte Mitte Dezember 2010 anzündete.

Hunderte wütende Jugendliche protestierten in der Stadt, besser organisierte Arbeiterbewegungen stiessen hinzu. Gewaltsame Massenunruhen breiteten sich auch in anderen Regionen bis in die Hauptstadt aus, am 14. Januar 2011 floh der bisherige Präsident Zine el-Abidine Ben Ali nach 23 Jahren an der Macht. Obwohl die Regierung anfangs versucht hatte, die Selbstverbrennung und die Proteste in Sidi Bouzid durch eine Nachrichtensperre und die Schließung von Lokalzeitungen geheim zu halten, verbreitete sich über Youtube und soziale Netzwerke noch am Tag der Verbrennung ein Video des in Flammen stehenden Mohamed Bouazizi, das ein Verwandter mit seinem Handy gefilmt hatte.

“Als dann alle Videoplattformen wie Youtube zensiert wurden, fingen die Menschen an, Videos und Informationen über die Proteste auf Facebook zu verbreiten, und beschrieben was in den Städten los war”, sagt die Tunesierin Rim Nour. Schon vorher sei Facebook für junge Menschen neben Cafés der einzige mögliche Treffpunkt gewesen.

In den ersten beiden Januarwochen stiegen die Facebook-Nutzerzahlen in Tunesien plötzlich um acht Prozent an, das Netzwerk wandelte sich vom sozialen zum auch politisch genutzten Medium. Von den elf Millionen Tunesiern und Tunesierinnen, die vorwiegend jünger als 30 Jahre sind, haben der amerikanischen Nichtregierungsorganisation Freedom House zufolge fast 40 Prozent Internetzugang. Allerdings trug auch der arabische TV-Sender al-Dschasira wesentlich zur Verbreitung der Proteste bei und berichtete auch frühzeitig über die Selbstverbrennung von Bouazizi. Die meisten Ägypter erfuhren etwa erstmals durch das Satellitenfernsehen von den Protesten in Tunesien, nicht durch soziale Netzwerke.

Ägypten: Politisierung der jungen, urbanen Elite

In Ägypten ging die Vorbereitung der Unruhen eher aus dem städtischen Raum aus – auch betrieben durch eine junge, urbane Elite, die auf das Internet setzte. 2011 hatten von 82 Millionen Menschen 36 Prozent Zugang zum Internet, schon in den Jahren zuvor hatten politische Aktivist_innen soziale Netzwerke wie Facebook genutzt, um sich zu vernetzen, zu Demonstrationen aufzurufen. Die Proteste waren allerdings kleiner, und die öffentliche Aufmerksamkeit dafür gering.

Lokale Ereignisse wie der Tod von Khaled Said im Juni 2010, einem Blogger, der an einem öffentlichen Ort von Polizisten erschlagen wurde, und später die Nachricht vom arabischen Frühling in Tunesien führten im Netz zu einer Politisierung von zuvor apolitischen, jungen Ägyptern. Der 30-jährige Wael Ghonim, Marketing-Chef bei Google für den Nahen Osten und Nordafrika, eröffnete die Facebook-Seite “Kullema Khaled Said” – “Wir sind alle Khaled Said”. Er debattierte mit anderen Ägypter_innen über den Fall Khaled Said, das politische Geschehen, später die Revolution, rief erst zu stummen Flash-Mob-Demonstrationen auf. Später wurde die Seite, die etwa eine halbe Million Menschen erreichte, zur digitalen Anlaufstelle für die Proteste.

Ghonim selbst äußerte anfangs seine Befürchtungen, dass sich der auf Facebook geäußerte Unmut in “Clicktivism” erschöpfe: “Keiner wird irgendetwas tun, alles was wir machen, ist auf Facebook zu posten”, wetterte er auf der Facebookseite gegen seine Generation. Auch der polnische Aktivist Konstanty Gebert kritisiert an sozialen Medien, dass diese eher “weak ties”, schwache Verbindungen, zwischen Menschen ausbilden würden – für politischen Aktivismus aber starke, zwischenmenschliche Beziehungen notwendig seien, die auf Vertrauen basieren.

Andererseits war Ghonims Facebookseite auch deshalb ein Erfolg: Die anfängliche Unverbindlichkeit, Ghonims Zurückhaltung mit politischen Parolen, der anonyme und leicht zugängliche politische Debattierclub setzten die Hemmschwelle herab, Teil der Bewegung zu werden – einer Bewegung, die anfangs nicht mehr forderte, als ein “Like” oder den Beitritt zu einer Facebookgruppe. Ghonim und viele Anhänger der Seite wurden zunehmend durch die politischen Ereignisse politisiert – und durch die neue Hoffnung, die dadurch entstand, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen.

Nicht zuletzt profitierte der Manager Ghonim von seinen Marketingkenntnissen, die er in politisches Campaigning umsetzte – wie der Emotionalisierung, einer Dialogstrategie mit Meinungsumfragen und seine neutrale Haltung, die ein größeres Publikum ansprechen konnte. Vita und Profil von erfolgreichen Internetaktivisten wie Wael Ghonim oder der bekanntesten tunesischen Bloggerin Lina Ben Mhenni – jung, erfolgreich, mit Bildungsbürgerhintergrund – zeigen, dass die These “You don’t have to be somebody to be somebody on social media” zumindest hinsichtlich der sozialen Herkunft in Frage gestellt wird.

Nach der Organisation von einigen kollektiven Schweige-Flash-Mobs rief Ghonim gemeinsam mit anderen Internetaktivist_innen wie Ahmed Maher und Israa Abdel Fattah von der Facebookseite “Jugendbewegung des 6. April” zur “Revolution gegen Folter, Armut, Korruption und Arbeitslosigkeit” auf. Auf diese folgten weitere Demonstrationen, die Eroberung des Tahir-Platzes in Kairo und schließlich der Umbruch in Ägypten.

Die digitale Kampagne offenbarte ein Aufbruchsgefühl – ein Metagemeinschaftsgefühl, das die permanente Angst vor der staatlichen Gewalt in eine Furchtlosigkeit wandelte, mit anderen todesmutig auf die Straße zu stürmen. Er sei bereit gewesen, für die Revolution zu sterben, sagt Wael Ghonim. Ein Massenprotest und Momentum entstand aber erst, als andere soziale und religiöse Bewegungen wie die Muslimbrüder zusammenströmten und Menschen mobilisierten, und nicht zuletzt die breite Masse der Bürger_innen erreichte.

Syrien: Mit Mobiltelefonen zur Beerdigung

Auch in Syrien seien Facebook und Twitter für die Mobilisierung, Organisation und Vernetzung relevant, sagt der Syrer Hadi al Khatib, Programmkoordinator des Tactical Technology Collective, das Aktivist_innen und Journalist_innen bei der Internetnutzung berät. “Bei der syrischen Revolution in den 80er Jahren starben mehr als 20.000 Menschen in einer Woche und die Welt bekam davon nichts mit”, sagt al Khatib. Jetzt versuchen Aktivisten Informationen über Social Media nach draußen zu bringen.”

Die syrisch-spanische Aktivistin Leila Nachawati erzählt in einem Interview mit dem Politikblog Netzpolitik.org, dass man in Syrien bei Demonstrationen und Begräbnissen mehr Mobiltelefone als Hände sehe: “Die Menschen haben verstanden, dass sie eine historische Rolle haben, das Geschehen zu dokumentierten, zu erzählen, denn sonst würde niemand sehen, was passiert – denn Journalisten werden im Land nicht zugelassen.”

Über 200.000 Videos aus Syrien zirkulieren auf Youtube, die teils auch in deutschen Medien wie der Tagesschau ausgestrahlt werden. Für Medien ist der riesige Videofundus, den die Revolution produziert, aber auch eine Herausforderung: Sie müssen das Material verifizieren, bevor Informationen weiterverwertbar sind. Denn die Videos dienen nicht immer der Wahrheit – oft versuchen Konfliktparteien, Propaganda zu betreiben, auch der Staat mischt mit bei der Content-Produktion. Online-Wetterdienste können helfen, im Video angegebene Schauplätze gegenzuprüfen, auch Dialekte verraten Land und Region. “Es ist schwer, von außen zu wissen, was innen vor sich geht”, sagt al Khatib.

Überwachung durch Social Media

Dem positiven Potential des Internets setzt der Publizist Evgeny Morozov in seinem Buch “The Net Delusion: The Dark Side of Internet Freedom” eine düstere Zukunftsvision entgegen und weist darauf hin, dass das Netz Aktivist_innen auch gefährden kann. Cyber-Utopisten würden vernachlässigen, dass autoritäre Regimes das Internet für Propaganda nützen und Diktatoren lernen würden, das Internet als Überwachungstool einzusetzen und eine effektive Zensur zu betreiben, kritisiert Morozov naive Befreiungstheorien.

“Über das Internet können Aktivisten und Aktivistinnen enttarnt werden”, warnt auch Hadi al Khatib. Das Internet sei nicht entwickelt worden, um die Privatsphäre zu schützen – sondern um alles an die Öffentlichkeit zu bringen. “Wenn du das Netz über eine unsichere Verbindung oder nachlässig nutzt, sind alle E-Mails, Facebook-Posts oder auch Passdaten potentiell öffentlich”, sagt der Syrer. “Und wenn du das in einem Land tust, das mit harter Repression reagiert, kannst du nicht nur dich selbst gefährden, sondern dein ganzes Netzwerk, mit dem du arbeitest.” Viele arabische Blogger und Internetaktivisten wurden verhaftet, gefoltert, einige auch getötet.

Der digitale Revolutionär Wael Ghonim berichtet in seinem Buch “Revolution 2.0”, dass die ägyptischen Sicherheitskräfte Facebook anfangs noch unterschätzten und sie die Funktionsweise des Netzwerks nicht verstanden – doch Syrien hat von den Ereignissen in Ägypten längst gelernt, soziale Netzwerke nicht zu bekämpfen, sondern sie zu nutzen. “Am Anfang der Revolution waren Facebook und Twitter in Syrien noch verboten, aber dann öffneten sie die Netzwerke, als die Revolution begann”, sagt al Khatib. “Diese Offenheit bedeutete, dass die Sicherheitsdienste mehr über die Menschen, die Aktivisten erfahren können, einen Überblick über die beteiligten Gruppen erhalten, Posts lesen und Kritiker viel leichter verfolgen können.”

Auch wenn manche syrischen Aktivist_innen dies dem Staat nicht zutrauen – Syrien sei sehr talentiert darin, Regimegegner_innen aufzuspüren: “Die syrische Regierung ist sehr gut ausgerüstet und sehr gut ausgebildet, um die Überwachung und Repression von Internet, Mobiltelefonen und so weiter voranzutreiben”, sagt Hadi al Khatib. Arabische Staaten wie Syrien, Bahrain, Ägypten und auch der Iran haben sich in den vergangenen Jahren mit Überwachungstechnologien und Expertise ausgerüstet, die oft aus westlichen Staaten importiert worden sind.

Ein Monitoring-Zentrum der Sicherheitsfirma Trovicor unterstützt Syrien bei der Kontrolle von Internet und Mobilkommunikation, zu den Dienstleistungen von Trovicor zählen auch Location Tracking, Spracherkennung, Sprachenidentifikation oder Link-Analyse. Einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge implementierten auch italienische IT-Spezialisten in Syrien noch bis in den November 2011 hinein Überwachungstools – und trainierten die Regierungsbeamten.

“Auch die Zensur, die die Regierung anwendet, ist sehr smart”, sagt Hadi al Khatib. “Der Staat versucht den Internet-Traffic zu lähmen, sie schalten Mobilfunknetze in bestimmten Gebieten ab.” Durch die Drosselung der Datenübertragungsgeschwindigkeit wird den Syrer_innen, die ihre Anonymität schützen möchten, der Zugriff auf Proxy-Server, die IP-Adressen verschleiern, oder das Anonymisierungsnetzwerk Tor verwehrt. “Und die Regierung versucht diese Webseiten auch zu blockieren, so dass Menschen gezwungen sind, so dass das Internet nur auf risikoreiche Art und Weise genutzt werden kann”, so Hadi al Khatib.

Neue Werkzeuge – für Freiheit oder Repression

Das Aufkommen digitaler Medien garantiert noch keine politische Freiheit oder Revolution – die neuen Technologien sind Werkzeuge, die Kommunikationsprozesse verändern und von verschiedensten Akteuren – zur Ermächtigung oder Unterdrückung – genutzt werden können. Das alte Katz- und Maus-Spiel zwischen Aktivisten und repressiven Regierungen oder Militär setzt sich auch im Internet fort. “Der Einsatz von Social Media Tools hat kein vorherzubestimmendes Ergebnis”, sagt der amerikanische Netz-Experte und Autor Clay Shirky.

Zahlreiche Faktoren beeinflussen die Entstehung und Entwicklung von politischen Protesten – wie Demografie, politische und sozioökonomische Dynamiken, Bildung und politische Kultur, der Zustand der Zivilgesellschaft, die Strategien von gesellschaftlichen und politischen Bewegungen und einzelnen Akteuren, der Zustand von Kommunikationsinfrastrukturen, nicht zuletzt die Haltung von Staat und Militär, deren Ressourcen zur Überwachung und Bereitschaft zur Gewalt. Unterdrücken Polizisten und Soldaten das Volk oder sympathisieren sie sogar mit den Protestierenden, sehen sie sich sogar als Träger des Wandels?

Im Zusammenhang mit den Protesten in Bahrain wurde nicht euphorisch von einer “Facebook-Revolution” gesprochen – obwohl Freedom House zufolge sogar 77 Prozent der 1,3 Millionen Bahreiner_innen Internetzugang haben, doch viele Seiten werden zensiert. Bei der Berichterstattung über das Geschehen in Bahrain stand im Vordergrund, wie brutal Militär und auch tausend Soldaten aus Saudi-Arabien gegen die Bevölkerung vorgingen, viele töteten.

Soziale Netzwerke eröffnen durch “weak ties” neue Informationsmöglichkeiten und Mobilisierungspotentiale – erfolgreiche Proteste sind allerdings auch auf gut organisierte, enge gesellschaftliche Netzwerke und Organisationen wie Gewerkschaften, Vereine oder in den arabischen Ländern religiöse Bewegungen wie die Muslimbruderschaften angewiesen, die massenhaft ihre Anhänger mobilisierten.

Informationen, Bilder und Videos der Proteste können sich rasant über soziale Netzwerke ausbreiten, sie können ein Image der Proteste prägen, die bis ins Ausland wirken, Exilant_innen und ausländische Solidaritätsnetzwerke entstehen lassen und sich auf realpolitische Entscheidungen der internationalen Gemeinschaft auswirken können. Wirklichen Erfolg haben Internetkampagnen oft aber erst, wenn sie Eingang in die Massenmedien finden. Und ob internationale Unterstützung erfolgt, hängt nicht nur mit Kommunikationsprozessen und Image zusammen, sondern vor allem mit geopolitischen Interessen, wie auch bei dem – zumindest offiziellen – Verzicht auf eine internationale Intervention in den syrischen Bürgerkrieg.

Internet und soziale Medien machen noch keine Revolution, sie können diese aber erleichtern. Doch nach wie vor kommt es darauf an, ob Bürger_innen bereit sind, für den Wandel Risiken einzugehen, auf welche Strategien sie setzen, ob sie eine kritische Masse und einen Einfluss erreichen können – und wie das Regime, aber auch die internationale Gemeinschaft darauf reagieren.

Akteur_innen bei Social Media-Kampagnen/Aktivismus sind immer noch sehr elitär – wie lässt sich der Kreis der Partizipierenden erweitern und/oder mehr Anschlussfähigkeit in die reale Welt erreichen? Diskutieren Sie weiter auf Digitalbuerger.de

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