28 Der Ctrl-Verlust

Privatsphäre ist ein Auslaufmodell, und das ist gut so – finden zumindest die Netzaktivisten der „Post-Privacy“ Bewegung. Sie träumen von einer Zukunft ohne Datenschutz und fordern maximale Transparenz.

Von Valentin Niebler

 

Marcel Rütschlin weiß einiges über sich. Etwa, wie schnell sein Herz gerade schlägt. Der Student hält ein graues Gerät in der Hand, das seine Herzfrequenz misst. Sein „emwave2“ überträgt die Daten dann in ein Computerprogramm. „Ich tracke gezielt, damit weiß ich mehr über mich“, erklärt Rütschlin.

Immer mehr Daten wandern ins Netz

Der 25-jährige Berliner hat sich dem „Quantified Self“ verschrieben – einer Bewegung, die ihr Leben vermisst. Rütschlin hat dazu sogar vor kurzem eine „Quantify Self“-Gruppe in Berlin gegründet. Die Software, die Rütschlin und seine Mitstreiter_innen nutzen, kann mehr als man denkt: Die Programme werten nicht nur Herzraten und Kalorientabellen aus, viele übertragen auch Daten ins Netz, auf die Datenbanken der Software-Anbieter.

Bei Datenschützer_innen lässt diese Liebe zur Vermessung alle Alarmglocken läuten: Peter Schaar, Deutschlands Bundesbeauftragter für Datenschutz, warnt in seinem aktuellen Buch „Das Ende der Privatsphäre“ vor einer Überwachungsgesellschaft. Das Mittel dagegen sieht Schaar im Kampf um die informationelle Selbstbestimmung – dem Recht über persönliche Daten, das in Deutschland seit den 80er Jahren gesetzlich verankert ist.

“Informationelle Selbstbestimmung ist Quatsch”

Der Blogger Michael Seemann ist da anderer Meinung. „Die informationelle Selbstbestimmung ist Quatsch“, sagt er. Seemann ist ein prominenter Kopf der „Post-Privacy“ Bewegung, die das Ende der Privatsphäre prophezeit. Der Blogger behauptet: Egal, wie sehr wir uns wehren – die Veröffentlichung persönlicher Daten können wir im Internet nicht mehr verhindern.

Jeder Tastendruck im Netz wird gespeichert, und ein falscher Klick macht im Notfall Intimstes öffentlich. Wie etwa 2006, als der E-Mail-Verkehr über das Sexleben zweier Angestellter am Nürnberger Arbeitsamts publik wurde: Eine der beiden Frauen hatte beim Senden einer Mail versehentlich auf „An alle“ gedrückt und damit den Gesprächsverlauf an die ganze Abteilung weitergeleitet. Das Gespräch tauchte kurz darauf in Online-Foren auf und kursiert noch heute im Netz.

„Das Internet ist eine riesige Kopiermaschine“, erklärt Seemann auf seinem Blog “ctrl+verlust“. „Egal, ob wir eine E-Mail schicken oder eine Website aufrufen: Jede Operation im Digitalen ist eine Kopieroperation.“ Die Vervielfältigung von Daten wird somit zur Selbstverständlichkeit, das Verbergen zur Schwierigkeit. Und Privatsphäre, so Seemann, zur Unmöglichkeit.

Kontrollverlust als Chance

Wo der Datenschützer Schaar ein Horrorszenario sieht, erkennt der Digitalmensch Seemann aber eine Chance. Seine These: Wenn alle plötzlich nackt sind, ist das Nacktsein nicht mehr schlimm. Lässt sich in einer Gesellschaft nichts mehr verheimlichen, werden die Menschen ehrlich zu einander – und damit toleranter und weltoffener. „Auch die Schwulenbewegung konnte sich erst durch den Gang in die Öffentlichkeit etablieren“, führt Seemann an. Erst Öffentlichkeit erzeuge einen Diskurs über Geheimnisse, die sonst im Verborgenen schlummern.

„Ich sage nicht, dass ich keine Angst vor dieser Zukunft habe“, sagt Seemann. Allerdings möchte er zum konstruktiven Denken anregen. Wenn unsere Daten sowieso bald im Netz stehen, sollten wir eben lernen damit zu leben. „Post-Privacy ist für mich eine Einladung zur Utopie“, sagt Seemann.

Datenschutz als Privileg

Im Übrigen sei Datenschutz schon dieser Tage ein Privileg. „Ein Hartz-IV-Empfänger hat heute schon keine Privatsphäre mehr“, argumentiert Seemann. „Er muss sein Leben dem Amt offenbaren.“ Wenn der Verlust der Privatsphäre ein Problem sei, dann vor allem für die Mächtigen einer Gesellschaft. Details aus deren Leben gelangen nämlich ebenfalls an die Öffentlichkeit – und sorgen für Diskussion.

Beispiele für die Wirkungskraft dieser neuen Transparenz gibt es bereits: Kurz bevor tunesische Protestbewegungen 2011 den Diktator Ben Ali stürzten, war der verschwenderische Lebensstil seiner Familie von Wikileaks enthüllt worden. Die provokanten Details wurden zum Zündstoff für die erste der zahlreichen Revolten im arabischen Raum. Auch der Plagiatsskandal um den ehemaligen Verteidigungsminister zu Guttenberg gilt als Beispiel für das Potential der Netz-Transparenz. Einher gehen diese Beispiele aber auch mit zahlreichen Gefährdungen – vom Bankbetrug zum Cybermobbing.

Netzexperten weniger euphorisch

Die Analyse vom digitalen Kontrollverlust teilen viele Online-Expert_innen. Toll finden ihn aber die wenigsten. Der Netzaktivist Julian Oliver kämpft gegen den Verlust der Privatsphäre. „Das Internet wurde den Menschen gegeben wie ein Auto“ sagt Oliver, „nur hat niemand die Verkehrsregeln erklärt.“ Konzerne wie Google, die sich das Unwissen der Nutzer_innen zum Vorteil machten, hält der Aktivist für ein großes Problem.

In einer Berliner Projektwerkstatt organisiert Oliver seit kurzem „Crypto-Partys“ für kritische Internetnutzer_innen. Dort erklären Oliver und andere Netzexpert_innen, wie Privatsphäre auch im Netz funktionieren kann. Etwa mit „DuckDuckGo“, einer alternativen Suchmaschine, die ihre Nutzerdaten nicht an Werbefirmen weiterleitet. Oder mit Verschlüsselungsprogrammen, die das Surfen im Netz anonymisieren. Privatsphäre ist für Oliver ein Grundrecht, das er verteidigen möchte.

Post-Privacy als naive Utopie

Die Post-Privacy hält der Aktivist dagegen für eine naive Utopie. „Die Gesellschaft würde auseinanderfallen, wenn plötzlich alles öffentlich wäre“, glaubt Oliver. „Es ist sogar sehr wichtig, manchmal nicht die Wahrheit zu sagen.“ Im Übrigen, so Oliver, sei Macht eben auch im Internet nicht gleich verteilt. „Große Unternehmen haben viel mehr Macht als der gemeine Nutzer.“ Die Konzerne hätten schlicht mehr Geld, seien vor Gericht stärker abgesichert und könnten sich so damit bedenkliche Verstöße leisten.

„Ich glaube nicht, dass Google das Problem ist“ findet dagegen Michael Seemann. Er vertraut dem US-Unternehmen sogar seinen Aufenthaltsort an. Wer auf seine Homepage klickt, kann auf einer Karte verfolgen wo er sich gerade aufhält – sein Smartphone misst mit. „Ich kann am Geschäftsmodell von Google nichts problematisches finden“, sagt Seemann. An einen Missbrauch der Daten glaubt er nicht. Und fände dieser statt, würde er eben öffentlich gemacht – die Nutzer_innen würden dann dem Konzern den Rücken kehren. Nicht nur Google könnte heute seine User überwachen, sondern die User eben auch Google.

“Demokratisierung der Überwachung”

Christian Heller, ein Mitglied der Post-Privacy Vereinigung „Spackeria“ nennt diesen Vorgang „Demokratisierung der Überwachung“. Im Netz sei niemand mehr frei von Überwachung, dafür könne sie jeder ausüben. Das mache zwar Privatsphäre unmöglich, so Heller, sei aber die vernünftigste Alternative zum Überwachungsstaat.

Kritik an der Post-Privacy kommt auch von anderer Seite: „Es lebt sich leichter post-privacy, wenn man männlich, weiß, hetero und finanziell unabhängig ist“, kritisiert die Bloggerin sancny in einem Artikel zum Thema. Die Kontrollverlust-Verfechter seien sich der Schutzfunktion von Privatsphäre für Minderheiten nicht bewusst. „Ein löchriger Datenschutz ist für Menschen, die auf den Schutz ihrer Daten angewiesen sind, besser als gar keiner“, argumentiert sie.

Gefährdungspotential

Den Vorwurf räumt Seemann zwar grundsätzlich ein. Post-Privacy sei sicher nicht sofort positiv für alle Beteiligten. Das dürfe aber nicht vor einer Auseinandersetzung abhalten. „Ich halte es für naiv, dass sich eine Gesellschaft nicht weiterentwickeln kann.“

Ganz gleich wie sich die Debatte entwickelt – der Student Marcel Rütschlin hat die Lust an den Daten noch nicht verloren. Er möchte sich bald einen „Sleep Tracker“ zulegen, der dann seine Schlafdaten misst. Ob er Angst hat vor einer Post-Privacy-Welt? Nicht wirklich. „Überwacht werden wir doch eh schon alle“, grinst er und zeigt auf sein Smartphone.

Ist der völlige Verlust von Privatsphäre noch aufzuhalten? Diskutieren Sie mit auf www.digitalbuerger.de

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